Liebe Freunde,


Abschied zu verarbeiten heißt auch immer Erinnerungen mitzunehmen, zu konservieren und aus der Schatztruhe herauszuziehen, wenn es denn angesagt ist. In den vergangenen Tagen war diese zutiefst menschliche Eigenschaft wahrlich nötig, denn mit Dir, Emil, verbindet uns alle mehr als nur ein Wimpernschlag unserer eigenen Geschichte, es offenbart sich ein wertvolles Erinnerungsschließfach mit beständigen Abfolgen von Ereignissen, die befüllt mit Anekdoten und Bildern die unauslöschliche Gewissheit des endgültigen Abschieds, so schwer in das Bewusstsein eines jeden Einzelnen dringen lässt.


Eines darf man feststellen. Die eigene, für den ein oder anderen und auch für Dich, abstrakte Angst in Vergessenheit zu geraten, ist bei Dir Emil zu vernachlässigen, auch wenn Du selbst im Winter Deiner Zeit auf Erden nicht mehr in der Lage warst alles zu realisieren, was um Dich herum geschah. Dein Bruder hat mir am letzten Sonntag erzählt, dass er bei einem seiner Besuche am Krankenbett, als er Dir die Hand hielt und um ein Zeichen bat, ob Du wüsstet wer er denn sei, einen festen Druck verspürte und in ein Gesicht schaute, dass zufrieden lächelte. Das ist kein Zufall, genauso wenig wie der Weg, den wir alle gehen müssen und den auch Du gegangen bist auf Deiner Reise zur anderen Seite der Zeit.


Niemals zuvor in diesem Verein hat es jemanden gegeben wie Dich, niemals mehr wird diese Funktion in unserem Verein – und das ist die tiefste aller Überzeugungen, die in mir wohnt - so ausgefüllt sein, wie in Deiner ganz eigenen Interpretation von Gemeinschaft und der – wahrscheinlich durchaus unbewussten -Zusammenführung verschiedenster Generationen von Fußballern, also irgendwie auch Menschen – manchmal mehr und manchmal weniger – aber irgendwie Menschen, zu einer Einheit, bei der der Einzelne gar nicht richtig bemerkte, wie gut Dein atmosphärischer Klebstoff das große Ganze zusammenhielt und das alles ohne den Hintergedanken eine Forderung daraus abzuleiten. Es war immer Dein eigener Anspruch, der Dir genügte, die Milch und den Honig den das eigene Ego benötigt, im wahrsten Sinne der Bedeutung selbst herzustellen, abzupacken und zu konsumieren.


Aber woher kommt so ein Charakter, woher nimmt jemand die Kraft in derartiger Präsenz die Zügel in die Hand zu nehmen und Dinge einfach zu tun und dabei nicht auf halber Strecke aufzuhören und das über einen derart langen Zeitraum. Sicherlich war der Dienst an der Gesellschaft für Dich auch ein Weg die Trennung von Deiner Frau, in einer ganz eigenen, hochstehenden Form zu verarbeiten. Wenn das also der Weg ist aus Lebenskrisen herauszukommen, in dem man eine Aufgabe findet, die das Gemeinwohl befördert, dann sollten nicht nur wir, wenn es uns denn ereilen sollte, ein großes Beispiel daran nehmen.
Du hast es geschafft ein Zeitfenster zu erzeugen, das etwas behütete was so wichtig ist und heute doch immer mehr in Vergessenheit gerät, Gemeinschaft. Sicherlich und das darf hier nicht unerwähnt bleiben, warst auch Du kein einfacher Zeitgenosse und selbst ein Emil März, der eine nicht zu beschreibende Meinungsführerschaft, in dem die Reduzierung der Worte im Mittelpunkt gestanden ist, sein Eigen nennen konnte, hatte keine Angst seiner Sichtweise entsprechend, auch den Finger in Wunden zu legen, von denen der Betroffene auf der anderen Seite der Überzeugung, bis zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht wusste, dass diese überhaupt existieren.


In den Fällen die mir bekannt sind, hattest Du den größten aller Verbündeten dabei aber immer auf Deiner Seite: Die Wahrheit! Denn denen, die der Krankheit der eigenen – fußballerischen - Selbstüberschätzung erlegen waren, wurde eine besondere – nennen wir es eine durchdringende Medizin verabreicht, die nicht selten dazu führte, dass ein Spielerpass mit einer ganz eigenen Ausprägung an Ruhe, aus der Passmappe gezogen und dem verdutzten Protagonisten, der glaubte, dass ohne seine Anwesenheit im Verein, sich die fußballerische Welt der Spvgg aus Eltville nicht mehr weiterdrehen würde, wurde also dessen Spielberechtigung wortlos zum Abschied direkt von höchster Stelle, also von Dir, übergeben.


Heute wäre das undenkbar, aber wir reden über eine andere Dekade, mit anderen Selbstverständlichkeiten und Werten. Typen wie Du sind heute so gut wie ausgestorben. Ich persönlich finde das bedauerlich, denn wer soll denn heute die nachfolgenden Generation stählen, damit sie dann in ihrer fortlaufenden Geschichte, Stabilität beweisen und egal in welcher Funktion, überhaupt ihren "Mann" zu stehen imstande sein werden. Fordern und fördern lagen bei Dir immer ganz nahe beieinander.


Ich habe mit Thomas am Mittwochvormittag diskutiert, wie es denn möglich ist, dass ein Mensch, der oft spröde, dann wieder schelmisch und ironisch dahergekommen ist, eine derartige Akzeptanz in unserem Verein und darüber hinaus gewinnen konnte. Thomas hat mir erklärt, dass viele natürlich wussten, was Du Emil für ein großartiger Spieler warst und dass zu Deiner aktiven Zeit im Rheingau es niemand schaffte, Dir das Wasser zu reichen. Darüber lohnt es sich nachzudenken. Wenn ihr mich fragt, bin ich da nicht so sicher, dass wir hier des Rätsels Lösung sehen. Ich bin mit meinen Eltern im Jahre 1979 nach Eltville gekommen und hatte diese, von Dir eindrucksvoll beschriebene Vorkenntnis nicht und doch lernte ich Emil März als 9 jähriger kennen und spürte eine Aura von ihm ausgehen und hatte einen natürlichen Respekt, der sich im Laufe der Jahre immer weiter steigerte.


Ganz persönlich danken, möchte ich Dir Emil auch in eigener Sache. Trotz meiner körperlichen Einschränkungen, die es mir nicht erlaubten höhere Weihen in unserem Sport zu erreichen, wurde ich persönlich von Dir nie kritisch gesehen, sondern bekam immer Zuspruch, so wenig beachtenswert meine fußballerische Laufbahn, im Vergleich mit Deiner auch gewesen sein mag, was mich dazu animiert festzustellen, dass es in Deinem Kosmos eben nicht nur gute und schlechte Fußballer gegeben hat, sondern das du auch imstande warst abzuzinsen, wer aus denen vom Herrgott überlassenen Möglichkeiten das Meiste rausholt. Eine Eigenschaft, die Dich im Übrigen mit Deinem Bruder Franz-Peter verbindet, auch wenn ihr sonst durchaus unterschiedliche Ansätze im Leben verfolgt habt.


Auch verdanke ich der Familie März und vor allem Dir Emil den Umstand, dass die allermeisten Menschen in meinem Umfeld verwundert die Stirn runzeln, wenn ihnen irgendwann und meist zufällig zugetragen wird, dass mein richtiger Name gar nicht Paule sei. Dieses, in früher Jugend und in Anspielung auf den legendären Bayern Spieler vergebene Qualitätssiegel, hat mich bis heute begleitet, viel auch im Beruf und wenn wir jetzt unsere Fußballcamps veranstalten oder ich einfach bei Trainingseinheiten mit unserer heutigen jungen Kicker auf dem Platz bin, nennen mich die Mädels und Jungs aus unserem Verein in jeder Altersklasse, immer noch mit dem Namen, den ihr für mich ausgesucht habt, was in mir und das gebe ich gerne zu, ein wohliges Gefühl auslöst und einer der vielen Gründe ist, Dich Emil nicht zu vergessen.


Wo wir gerade bei der Familie März sind, stelle ich es mir durchaus interessant vor, wenn die beiden Brüder Emil und Franz, garniert mit dem blutjungen Thomas und später auch Theo, Stunden über Stunden im Brummer dem Fußballgott die Zeit stahlen, um alles rund um die Spvgg zu diskutieren. Dass muss herrlich gewesen sein, wenn Franz und Thomas eifrig Meinungen austauschten und Du Emil dieses ganz am Ende des Abends in zwei, an sehr guten Tagen … in drei Sätzen wiederlegtest und Deine Familie nicht umhin kam, dem Meister der Kurzformanalyse, schlussendlich durch beständiges Kopfnicken zuzustimmen und einmal mehr zu erkennen, wer die Erkenntnis für sich gepachtet hat.


Was Du Emil in Deinem Leben auch getan hast, es war immer von Konsequenz geprägt. Nach Deinem letzten Spiel für die Aktiven, hast du der Versuchung wiederstanden die Schuhe weiter zu schnüren, um noch irgendwas zu beweisen. Das hattest Du nicht nötig, doch als die Entscheidung fiel ein eigenes Vereinsheim zu bauen, warst Du die treibende Kraft hinter diesem Projekt und schufst mit Deiner Begeisterung, teilweise im Alleingang, für den Verein die Möglichkeit einer ordentlichen Bewirtschaftung rund um die Spiele. Ohne Dich würden sich unsere Kicker heute noch ausschließlich in den städtischen Katakomben umziehen müssen. Was für eine Leistung.


Legendär und wir erinnern uns alle, als wäre es gestern, also Donnerstag gewesen, sind Deine Ausführungen bei den Spielersitzungen, die am besagten Wochentage, Spielzeit für Spielzeit immer nach dem gleichen Muster abliefen. Auch hier entlud sich das komprimierende Talent des Spielausschussvorsitzenden März im Rückblick auf das vergangene Wochenende in ausführlichen Bestandsaufnahmen zum Spiel in Sätzen wie: "Männer, des war nix", um sekundenbruchteile später direkt schon den Ausblick zu geben, auf das was da kommen wird, also "Männer, das war nix. Aber am Sonntag holen wir uns den Sieg und wie das passiert, sagt Euch jetzt Euer Trainer Franz-Peter März, Peter Berg, Werner Orf, Berthel Frohmann oder wer auch immer gerade der Vorturner war. Das nach derart ausgiebigen Rückblicken auf die zurückliegenden 90 Minuten insbesondere der Trainer Franz-Peter März noch zum Besten gab, dass sein Bruder bereits alles vorweggenommen hätte, was es zu sagen gäbe, setzte der ganzen Verbalakrobatik des Abends die berühmte Krone auf und war immer ein Schauspiel, dass keiner missen mochte.


Dieses besondere, aus dem Feldstecher der Halbwissenden heraus, ungetrübte Verhältnis der beiden Brüder untereinander, wurde spätestens sonntäglich sichtbar, wenn Emil mit der Fahne in der Hand, Höhe Mittellinie Gegengerade majestätisch auf dem roten Rasen, knapp außerhalb des Spielfelds, neben seinem Bruder stand, der als Spielertrainer im Trikot während der 90 Minuten, den Weg gerne an die Außenlinie suchte, damit das Spiel Spiel sein lies, währenddessen unsere Gegner einen Belagerungsgürtel um unseren Sechzehner aufbauten und sich die verbliebenen 9 Feldspieler in die feindlichen Schüsse warfen und sich dabei noch gefallen lassen mussten, dass die beiden Märzes durchaus kritisch, mitten in der Druckphase, mit den eigenen Schützlingen umgingen: "Jetzt kuck doch mal Emil, wie schlecht" war noch einer der harmlosesten Kommentierungen des Spielertrainers, die flankiert wurden durch beständiges Kopfnicken des Menschen am Spielfeldrand, dem wir heute die letzte Ehre zukommen lassen.


Emil März war aus meiner Beobachtung heraus und vielleicht täusche ich mich auch, unwissend extrem, auch schon für die damalige Epoche in die wir uns hier hineinzudenken versuchen. Es gab für ihn mehr als weniger die eine große Liebe, unseren Verein. Selbst die Spiele die sein Sohn in der Jugend für Geisenheim bestritt, fanden nicht das Interesse des Vaters, was sich nach dem Wechsel des Sprössling zurück an den Wiesweg logischerweise änderte, denn da war die Familie wieder vereint und wahrscheinlich war das die glücklichste Zeit für Dich überhaupt.


Ein weiteres Beispiel: Zu seiner aktiven Zeit sagte er Viktoria Aschaffenburg für die kommende Spielzeit zu. Die hatten ihm ein Angebot unterbreitet, bei dessen großzügiger Ausgestaltung inkl. Job und Wohnung jeder schwach geworden wäre, um 2 Wochen vor Ende der Wechselfrist mitzuteilen, dass er doch lieber in den heimischen Gefilden bleiben würde. Die Heimat war ihm wichtig, aber was trieb ihn wirklich um. Er suchte nicht das Bad in der Menge, er brauchte keine Schulterklopfer. Die Akzeptanz hat sich natürlich ergeben und trotz seiner teilweise recht harten Schale, genoss er eine Art Welpenschutz in der Gemeinschaft der Eltviller Fußballer. Interessant genug dass ihn sogar die alten Herren, die er teils durchaus kritisch sah und über die Jahre während deren Zeit in den Aktiven sicherlich auch ordentlich rangenommen hat, ihm vor lauter Freude ob seiner einfachen, aber stets wirkungsvollen Präsenz, einen Weg nach ihm benannten, an dem wir heute jeden Tag vorbeigehen, wenn wir den Kunstrasen betreten. So ist es mir nicht klar, welche persönliche Befriedigung Emil März dazu trieb, diesen Lebensaufwand zu betreiben und so positiv zu wirken, wie er es tat. Wahrscheinlich wird diese Frage nicht zu beantworten sein, aber vielleicht ist die Forschung danach auch müßig und nicht lohnend. Am Ende kann die Erkenntnis stehen, das es ihm gar nicht um seine Bedürfnisse ging, sondern um das runde Leder, das für ihn die Welt bedeutete.


Der Präsident von Mainz-Weisenau, bei denen Emil in der allerhöchsten Amateurliga spielte, schrieb ihm nach seinem Weggang einen Brief, dessen positive Ausprägung für den Menschen und den Sportler Emil März nicht steigerungswürdig ist. Vielleicht Thomas, sollten wir das Schriftstück kopieren und unseren Spielern – egal ob jung oder alt zeigen – und wenn nur einer oder eine dabei ist, der die Botschaft daraus versteht, dann haben wir alles richtig gemacht und sind unserem Auftrag gerecht geworden.


Zum guten Schluss …… möchte ich euch sagen, dass ich mich geirrt habe in dem Glauben, dass es für ein Ehrenamt keine Denkmäler gibt, denn Du Emil wirst eines bekommen. Dein Verein, die Spvgg Eltville wird ihre Heimspiele in Zukunft nicht mehr am Sportplatz am Wiesweg, sondern im Emil März Stadion austragen.

Danke Emil !

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