Tolga

Unerwartet und aus der Tiefe des Raumes erreicht uns eine Information, dass der in 2003 geborene Tolga Erdinli (hier bei der Unterschrift auf dem Antrag zur Spielberechtigung) gegen den Trend vom SV Wehen–Wiesbaden zurück an den Wiesweg wechselt und bald unsere D-Jugend verstärken wird.

Dass dies eine gute Nachricht für unseren Verein darstellt ist klar und wir wollen es zum Anlass nehmen, uns grundsätzlich Gedanken zu machen. Es geht dabei nicht darum, eine abschließende Beurteilung zu forcieren, denn dieses kann genauso wenig möglich sein, wie das Einsetzen von Schablonen zur Findung von Persönlichkeitsstrukturen, denn das Wesen des Menschen ist eben höchst individuell.

Das System des Scouting in Deutschland hat uns den Erfolg im deutschen Fußball zurückgebracht. Das ständige Monitoring von Talenten über Spielbeobachtungen und Stützpunkttrainings in unserem Lande hat ein Niveau erreicht, dass uns vom sportlichen Ergebnis her Stolz machen kann, aber was ist die Wahrheit ? Wie groß ist die Chance, wenn ich mein Kind im Jugendbereich bei einem der Vereine der 1, 2 oder 3 Liga unterbringe, dann auch den nachhaltigen Sprung in die Bundesliga zu schaffen? Um uns das zu verdeutlichen, wählen wir einen analytischen Ansatz und schauen uns den Sachverhalt, zugegeben stark vereinfacht, näher an.

Auf Basis aktueller Erhebungen sind ca. die Hälfte aller Bundesligaspieler Ausländer, die in Ihrer Jugend nicht die deutsche Fußballschule durchlaufen haben. Wenn wir weiter davon ausgehen, dass etwa 520 Kicker in der höchsten deutschen Spielklasse gültige Arbeitsverträge unterschrieben haben, dividieren wir die o. g. Zahl einfach durch 2 und sehen, dass 260 Spieler übrig bleiben. Wir nehmen auch im nächsten Schritt Komplexität aus unserer Beispielrechnung und taxieren die durchschnittliche Verweildauer von Spielern, die mit den Einnahmen nach Karriereende sorglos das weitere Leben genießen können auf 10 Jahre. Das Ergebnis ist ernüchternd – 26 Spieler – pro Jahrgang bleiben in unserem Beispiel übrig, das beinhaltet aber auch, dass viele Kicker auf diesem Niveau logischerweise ebenfalls aussortiert und in andere Ligen zurückgestuft werden, so dass wir das nochmals halbieren und feststellen, dass 13 Spieler pro Jahrgang das große Los gezogen haben.

Es gibt in Deutschland 56 professionelle Vereine mit einer durchschnittlichen Kaderstärke pro Jahrgang von 16 Spielern. Macht pro Jahrgang etwa 900 Spieler. 2 von 3 Spielern werden aussortiert, verletzen sich oder brechen ab und werden durch neue Spieler ersetzt, so dass wir auf mindestens 2.700 Bewerber für 13 Plätze kommen, was wiederum bedeutet, dass die Chance auf das ganz große Glück nach Erreichung der ersten Stufe, nämlich die Unterbringung seines Kindes in einem großen Verein bei ca. 1:200 liegt. Dafür fahren Eltern, Großeltern 3-4 mal pro Woche zum Training und das Wochenende ist sowieso nur noch auf König Fußball ausgelegt. Was das für das Familienleben und die schulischen Leistungen bedeuten kann, ist uns allen klar. Was ist also richtig und falsch ? Das muss jeder für sich selber wissen. Wenn mein Sohn die Chance hätte, es zu versuchen, würde ich es machen und ihn, wenn nötig auf dem Fahrrad, ins Bruchwegstadion oder sonst wohin kutschieren, aber wäre das sinnvoll ? Was bleibt ist statistische Ernüchterung, die einen Geschmack von Aussichtlosigkeit beinhaltet. Wir in jedem Falle sind froh, dass die Familie Erdinli wieder bei uns ist - Herzlich Willkommen !